Was wirkt besser im Pferdetraining: Futterlob oder Kraulen?
Das sagt die Wissenschaft zu Lob im Pferdetraining

Einleitung
Viele Pferdemenschen loben ihr Pferd ganz selbstverständlich mit einem Klopfen auf den Hals oder einem kurzen Streicheln. Diese Form des Lobes gilt seit Jahrzehnten als Standard. Hier hat man oft den Eindruck, dass dieses Lob bei den Pferden oft gar nicht richtig ankommt. Sie zeigen wenig oder gar keine Reaktion und wirken eher passiv. Ob dieses Verhalten Zufriedenheit, Gleichgültigkeit oder sogar eine leichte Anspannung bedeutet, ist oft schwer einzuschätzen.
Parallel gibt es die eher kleine Community der Clickertrainer, die auf Futterlob als einzig wahre Belohnung schwören. Mit Futter erzielen sie beeindruckende Ergebnisse. Allerdings sieht man auch das ein oder andere sehr futtergierige rüpelige Pferd, dem man mit einem Leckerli in der Tasche lieber nicht begegnen möchte.
An der Frage "Welche der beiden Belohnungsformen funktioniert bei Pferden besser?" setzt das Paper The Way to a Man’s Heart Is through His Stomach: What about Horses? von Sankey und Kollegen (2010) an.
Untersuchung und Ergebnisse
Was wurde untersucht?
Das Paper “The Way to a Man’s Heart Is through His Stomach: What about Horses?” untersuchte, wie sich Futterbelohnung im Vergleich zu Kraulen auf Lernen und Beziehung auswirkt.
Dafür wurden 20 junge Konikpferde in zwei Gruppen aufgeteilt. Sie wurden im Training entweder mit kleinen Karottenstücken (Futter-Gruppe) oder durch kräftiges Kratzen am Widerrist (Grooming-Gruppe) belohnt.
Alle Pferde sollten in einer definierten Anzahl an Trainingseinheiten lernen, nach einem Stimmkommando stillzustehen - zunächst wenige Sekunden, später bis zu einer Minute.
Zusätzlich wurde vor und nach dem Training gemessen, wie schnell und wie nah sich die Pferde freiwillig einer Person näherten. Das gilt als Indikator dafür, wie die Beziehung der Tiere zum Menschen ist.
Was kam dabei heraus?
Die Unterschiede zwischen den Gruppen waren sehr deutlich. Die Pferde aus der Futter-Gruppe lernten die Aufgabe schneller und erreichten in der gleichen Trainingszeit deutlich längere Stillstehzeiten. Fast alle dieser Pferde schafften die volle Minute in der vorgegebenen Trainingszeit. In der Grooming-Gruppe gelang dies keinem der Pferde.
Auch im Beziehungstest zeigten sich klare Effekte. Die futterbelohnten Pferde näherten sich der Person nach dem Training schneller und suchten häufiger die Nähe. Pferde aus der Grooming-Gruppe zeigten dagegen keine Veränderung im Annäherungsverhalten.
Interpretation
Die Ergebnisse zeigen, dass Futter ein sehr starker Verstärker ist, der sowohl das Lernen erleichtert als auch die Beziehung zwischen Mensch und Pferd verbessert. Futter spielt bei Pferden eine grundlegende Rolle im Aufbau positiver Erwartungen und Verknüpfungen – ein Muster, das auch aus anderen Tierarten bekannt ist.
Das Kraulen hingegen wurde als deutlich weniger wertiger Verstärker erlebt. Obwohl Pferde sich untereinander kraulen und dies als sozial positiv gilt, bedeutet das deshalb nicht automatisch, dass menschliche Berührung im Training die gleiche Wirkung hat.
Kritische Einordnung
Die Studie arbeitete mit einer relativ kleinen Stichprobe junger, sozial gehaltener Konikpferde. Es wurde nur eine Form der taktilen Belohnung getestet. Ob andere Formen der Berührung, längere Krauleinheiten oder individuell bevorzugte Stellen anders wirken würden, bleibt offen.
Was bedeutet das für dich und dein Pferd?
Für dein eigenes Training kannst du mehrere Dinge direkt mitnehmen.
💡 Futter ist für Pferde ein klarer und hochwertiger Verstärker. Du kannst dein Pferd damit sehr gut motivieren. Aber die Arbeit mit Futter im Training ist allerdings nur dann zielführend, wenn dein Pferd eine gute Futterhöflichkeit hat. Du solltest also sehr viel Wert auf eine gute Futtererziehung legen. Insbesondere wenn du einen sehr verfressenen Kandidaten hast, solltest du dir hier am Anfang professionelle Unterstützung holen. Training mit Futterlob macht definitiv keinen Spaß, wenn man vom Pferd bedrängt wird oder es gar nach einem schnappt.
💡 Kraulen hat hier im Experiment als Verstärker nur bedingt funktioniert. Allerdings wurden die Pferde nur an einer Stelle gekrault und es wurde vorher nicht evaluiert, ob sie Lieblingskraulstellen haben. Meiner Erfahrung nach kann man Kraulen - wenn man eine für das Pferd gute Stelle trifft - sehr wohl auch als Verstärker einsetzen. Es ist aber deutlich zeitaufwändiger als ein Leckerli. Und wie wichtig das Kraulen für dein Pferd ist, ist oft auch abhängig von der Jahreszeit. Beim Fellwechsel kommt es oft besser an als in den Zwischenzeiten.
💡 Eine gute Beziehung entsteht durch viele positive Erfahrungen. Einheiten, die euch beiden Freude machen und mit echter Verstärkung für dein Pferd – ganz gleich ob Futter oder passendes Kraulen – legen die Basis für Vertrauen und Kooperation.
Fazit
Die Studie zeigt deutlich, dass Futter im Training ein wirksamer Verstärker ist und sowohl das Lernen als auch die Beziehung zum Menschen positiv beeinflussen kann. Kraulen kann in passenden Situationen angenehm sein, wurde von den Pferden in diesem Versuchsaufbau jedoch nicht als Verstärker erlebt.
Ergänzend zu diesem Artikel ist ein kurzes Mini-Webinar eingebettet, in dem die Studie und ihre Ergebnisse noch einmal deutlich detaillierter dargestellt werden. So hast du die Möglichkeit, dir den Aufbau der Untersuchung und die gewonnenen Erkenntnisse in Ruhe anzusehen.
Quellenangabe:Sankey C, Henry S, Górecka-Bruzda A, Richard-Yris MA, Hausberger M (2010) The Way to a Man's Heart Is through His Stomach: What about Horses?. PLOS ONE 5(11): e15446.
Januar 2026