Warum sich im professionellen Pferdesport trotz bekannter Probleme so wenig verbessert

Eine wissenschaftliche Studie zu psychologischen Barrieren für Veränderung

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Einleitung

Im professionellen Pferdesport sind massive Probleme im Umgang mit Pferden seit Langem bekannt. Hoher Leistungsdruck und tierschutzwidrige Trainingsmethoden werden regelmäßig diskutiert. Trotzdem verbessert sich nichts grundlegend.

Das Paper But my horse is well cared for, veröffentlicht 2025 in der Fachzeitschrift Animal Welfare, geht genau dieser Frage nach: Warum hält sich dieses System, obwohl seine Probleme so gravierend und sichtbar sind?

Begriffe, die für das Verständnis des Papers relevant sind

Kognitive Dissonanz bezeichnet den inneren Spannungszustand, der entsteht, wenn das eigene Handeln nicht zum eigenen Selbstbild passt. Viele Menschen im Pferdesport verstehen sich als fürsorglich und verantwortungsvoll gegenüber ihren Pferden. Gleichzeitig sind sie Teil eines Systems, das in einigen Facetten tierschutzwidrig ist.

Enkulturation bezeichnet den meist unbewussten Prozess, durch den Menschen die Werte und Verhaltensweisen ihres sozialen Umfelds übernehmen. Dieser Prozess beginnt früh im Leben und setzt sich kontinuierlich fort. Was häufig gesehen, praktiziert und bestätigt wird, erscheint mit der Zeit richtig, notwendig oder gar alternativlos. Im Kontext des Pferdesports prägt Enkulturation, wie z.B. über Pferdewohl und das Training gedacht wird.

Was in der Studie untersucht wurde

Die Autoren führten Interviews mit 22 Personen aus dem professionellen Pferdesport. Die Befragten stammten aus unterschiedlichen Disziplinen und Ländern. Ziel war es, herauszuarbeiten, wie über die Diskrepanz zwischen Pferdewohl und den realen Lebensbedingungen der Pferde gesprochen wird und welche Denk- und Rechtfertigungsmuster dabei sichtbar werden.

Ergebnisse der Studie: Wie innere Widersprüche bearbeitet werden

Die Autoren zeigen, dass viele der beschriebenen Argumentationsmuster dazu dienen, einen inneren Widerspruch aufzulösen: den Widerspruch zwischen dem Selbstbild, ein fürsorglicher Pferdemensch zu sein und der Beteiligung an einem System, in dem Pferde regelmäßig einer nicht-pferdegerechten Lebensweise, extrem hohen Belastungen und oft sogar systematischer Gewalt ausgesetzt sind.

Wahrnehmung von Problemen – aber mit Distanz

Die meisten Befragten erkennen grundsätzlich an, dass es im im Sport Probleme im Umgang mit Pferden gibt. Diese Anerkennung bleibt jedoch oft abstrakt. Tierschutzwidriges Verhalten wird anderen zugeschrieben oder als Ausnahmefall dargestellt. Auf diese Weise kann das eigene Handeln vom Problem abgegrenzt werden. Dadurch wird die innere kognitive Dissonanz reduziert.

Vorstellungen eines guten Pferdelebens, die an der Natur des Pferdes vorbeigehen

Ein zentrales Ergebnis der Studie betrifft die Frage, was die Befragten unter einem guten Leben für ein Pferd verstehen. Viele Interviewte beschrieben Training, Arbeit und eine herausfordernde Aufgabe als wesentlichen Bestandteil von Pferdewohl. Ein Pferd brauche Beschäftigung und Leistungsanforderungen, um zufrieden zu sein. Diese Sichtweise steht neben der Betonung von Fürsorge und medizinischer Versorgung. Belastungen durch Training und Wettkämpfe werden in diesem Zusammenhang häufig als notwendig oder sogar wohltuend für das Pferd eingeordnet.

Aus Sicht der Autoren trägt diese Vorstellung dazu bei, mögliche Spannungen zwischen Nutzung und Wohlbefinden der Pferde aufzulösen. Wenn Training und Leistung als grundsätzlich positiv für das Pferd verstanden werden, lassen sich auch tierschutzwidrige Praktiken leichter mit dem eigenen Selbstbild vereinbaren.

Objektifizierung - wenn Leistung den Blick auf das Pferd bestimmt

In vielen Interviews wird das Pferd gleichzeitig als Lebewesen und als Leistungsobjekt beschrieben. Eine stärkere Betonung der Funktion des Pferdes – etwa als Investition oder Sportpartner – trägt dazu bei, emotionale Konflikte zu entschärfen. Wird das Pferd primär über seine Leistung definiert, treten Fragen nach seinem subjektiven Erleben des Pferdes in den Hintergrund. Dadurch wird der emotionale Konflikt abgeschwächt.

Fürsorge als Rechtfertigung

Aussagen wie „Aber mein Pferd ist gut versorgt“ tauchen wiederholt in den Interviews auf und sind titelgebend für das Paper. Gute Fürsorge wird als Argument häufig benutzt, um Zweifel an tierschutzwidrigen Methoden zu beruhigen und das eigene Handeln moralisch zu legitimieren.

Enkulturation stabilisiert das System

Die individuellen Rechtfertigungsstrategien werden durch das soziale Umfeld und die Enkulturation gestützt. Wenn man schon als Kind ähnliche Deutungen von Vorbildern gelerht bekommen hat und diese im Umfeld geteilt werden, wird kognitive Dissonanz nicht verstärkt, sondern kollektiv abgefedert. Dadurch bleiben bestehende Strukturen stabil.

Abgrenzung gegenüber äußerer Kritik

Ein weiterer wichtiger Befund der Studie ist die deutliche Abgrenzung vieler Befragter gegenüber Meinungen von außen. Kritik von Personen außerhalb des professionellen Pferdesports wird häufig als uninformiert oder realitätsfern beschrieben. Dadurch entsteht eine klare Trennung zwischen „Innen“ und „Außen“.

Veränderungen werden von den Interviewten zwar grundsätzlich für möglich gehalten, jedoch fast ausschließlich als Prozesse, die aus dem System selbst heraus entstehen müssten.

Ein zentraler Unterschied: Wechsel der Perspektive bei Aussteigern

Besonders aufschlussreich ist der Blick auf Personen, die den professionellen Sportbereich verlassen haben. Diese beschrieben einen Bruch mit den bisherigen Rechtfertigungsmustern. Entscheidend war dabei Wechsel der Perspektive: Pferde wurden nicht länger primär über ihre Funktion betrachtet, sondern als fühlende Wesen mit eigenem Erleben. Mit dieser veränderten Sicht wurde kognitive Dissonanz nicht mehr durch Rechtfertigung reduziert, sondern durch eine tatsächliche Veränderung des Handelns.

Was du selbst daraus mitnehmen kannst

Die Studie bezieht sich auf den professionellen Pferdesport. Dennoch beschreibt sie Denkmechanismen, die überall dort auftreten können, wo Menschen Verantwortung für Pferde übernehmen. Gute Absichten schützen nicht automatisch davor, blinde Flecken zu entwickeln. Es ist hilfreich, wenn du dein eigenes Handeln gelegentlich aus einer neuen Perspektive betrachtest. Dabei können dir folgende Leitfragen helfen.

Fazit

Das Paper zeigt, dass fehlende Veränderung im Pferdesport nicht unbedingt ein Wissensproblem ist. Viele Faktoren tragen dazu bei, bestehende Strukturen aufrechtzuerhalten. Ein zentraler Ansatzpunkt zur Veränderung liegt darin, Pferde konsequent als fühlende Wesen wahrzunehmen. Veränderung beginnt dort, wo diese Perspektive das eigene Handeln wirklich prägt.

Ergänzend zu diesem Artikel ist ein kurzes Mini-Webinar eingebettet, in dem die Studie und ihre Ergebnisse noch einmal deutlich detaillierter dargestellt werden. So hast du die Möglichkeit, dir den Aufbau der Untersuchung und die gewonnenen Erkenntnisse in Ruhe anzusehen.

Quellenangabe: E. Cheung, D. Mills, and B. A. Ventura, "‘But my horse is well cared for’: A qualitative exploration of cognitive dissonance and enculturation in equestrian attitudes toward performance horses and their welfare,” Animal Welfare, vol. 34, p. e50, 2025. doi:10.1017/awf.2025.10028

Februar 2026